Mbembe über Fanon und das Erbe des Kolonialismus

Um es einmal vorweg zu sagen: Dieses Buch gleicht einem Aufschrei. Im Bestreben, einer mehr als unterdrückten Identität und Tradition – der der Schwarzen, insbesondere der Leidtragenden des atlantischen Dreieckshandels, a fortiori aber aller Opfer von Kolonialismus, Dekolonisierung und was danach kam – wieder Leben einzuhauchen und Gehör zu verschaffen, nimmt Mbembe in Kauf, dass sein Text unmäßig austreibt, sich sprunghaft fortwälzt und stellenweise von Wut getränkt ist. Im romanesken Stil des französischen Intellektualismus geschrieben, vernachlässigt der Autor wissenschaftliche Standards (zu denen nicht umsonst Beschränkung und sokratische Bescheidenheit gehören), sondern lässt wuchern, evoziert und spekuliert bis hin zum intellektuellen Delirium.

Kolonialismus und die Folgen: Frantz Fanon (1925-1961) analysierte das Erbe einer Politik der Gewalt.

Weite Teile des Buches stellen eine Auseinandersetzung mit Frantz Fanon dar, dem aus Martinique stammenden Denker, Arzt und Psychiater, der anlässlich des Algerienkriegs sein Schicksal mit dem Afrikas verband und mit Die Verdammten dieser Erde eine der Bibeln des Antikolonialismus hinterlassen hat. Was Mbembe von Fanon sagt, dass man nur schwer von ihm und seinem Schreiben unberührt bleiben könne, gilt ohne Zweifel auch von Mbembe selbst: Mit Hilfe einer „bildhaften Sprache, die zwischen Schwindel, Auflösung und Zerstreuung schwankt“, will Mbembe „ins Leben zurückholen, was den Mächten des Todes überantwortet war.“ (20)

Dem entgegen steht die titelgebende „Politik der Feindschaft“, die der Autor in der Welt des 21. Jahrhunderts am Werk sieht; sie bilde die Grundstimmung einer „Globalisierung der Apartheid“ (222), die überall Trennungslinien einziehe und letztlich von dem destruktiven Impuls getrieben sei, „dass man alles, was man nicht selbst ist, für nichts erachtet“ (11). Demgegenüber gehe es um eine neue „Politik des Lebendigen“ (ebd.), die unter Einholung der im Kolonialismus erfahrenen Ausbeutung, Demütigung und Unterdrückung eine neue Weise des Menschseins wenigstens anvisiert.

Wie könnte eine neue Art der Politik aussehen?

Soweit das anspruchsvolle, grundstürzende Programm. In weiten Teilen deckt sich Mbembes Analyse dabei mit der Diagnose der „Externalisierungsgesellschaft“ des Münchner Soziologen Stephan Lessenich – nur dass der Kameruner Historiker und Philosoph gleichsam umgekehrt von der kapitalistischen Peripherie Richtung Zentrum blickt und natürlich ganz andere Prämissen und geistige Bestände mobilisiert. Trotzdem, die Ähnlichkeit der Aussagen ist frappierend: „Die Geschichte der modernen Demokratie hat zwei Gesichter oder zwei Seiten – eine Tag- und eine Nachtseite.“ (46) Und, schlimmer noch: „Demokratie, Plantage und Kolonialreich gehören objektiv ein und derselben geschichtlichen Matrix an. Diese ursprüngliche und  strukturierende Tat bildet den Kern jedes historischen Verständnisses der heutigen Weltordnung.“ (48) Kolonialkriege seien totale Kriege fernab jeder Öffentlichkeit gewesen, in denen sich Grausamkeit und Zerstörungswille ungehindert Bahn brechen konnten. Wenn wir also meinen, dass es uns nichts anginge, „wenn weit hinten in der Türkei die Völker aufeinander schlagen“ (Goethe), so sind wir offenbar im Irrtum, denn: „Früher oder später wird man in der Heimat ernten, was man in der Ferne gesät hat.“ (77)

Gesät hat man Mbembe zufolge vor allem Gewalt, die aufgrund der weiter wachsenden demographischen Übermacht des Südens als Welle über den kriselnden Wohlstandsgesellschaften des Westens zusammenzuschlagen drohe. Folgerichtig habe man sich abzuwenden von den heiligen Kühen der Aufklärung, die kaum mehr als Mythen und Ideologien seien. Eine „Dekonstruktion der heutigen Welt“ – die Stimme des Algerienfranzosen Derrida ist kaum zu überhören – müsse sich in letzter Konsequenz gegen jedweden „abstrakten Universalismus“ wenden (23), um die diesem Denken (das Mbembe auch mit der christlichen Seinsmetaphysik in Zusammenhang bringt) angeblich inhärente Fixierung auf einen Feind und seine Vernichtung zu durchbrechen.

Das Lager als Signum der Moderne

Kritisch ist anzumerken, dass der Autor immer wieder solch spekulative Gedankenfiguren bemüht, ohne sie ausreichend zu erläutern; auch die vielen, vielen in den Fußnoten zitierten Quellen können dieses Eindruck nicht lindern. – Mit Agamben sieht Mbembe das Lager als Signum der Moderne, dessen Genese und Entwicklung er historisch aufschlussreich darlegt. Seine Ursprünge sieht er, neuere Forschungsergebnisse zitierend, in verschiedenen Kolonialreichen zwischen 1896 und 1907 angelegt und kommt zu dem kontroversen Urteil: „Die Logik des Konzentrationslagers gab es schon lange vor deren Systematisierung und Radikalisierung durch das Dritte Reich.“ (134f.)

Gegen die in diesen Räumen und Herrschaftsstrukturen ausgeübte Gewalt, die Wunden gerissen habe, die „niemals“ heilen und „deren Spuren [man] niemals los“ wird (173), helfe ausschließlich – hier folgt Mbembe Fanon – eine „regenerierende Gewalt“ als „Werkzeug der Wiederauferstehung“ (142). Spätestens jedoch, wenn Mbembe solchen Ausführungen spekulativ-psychologische Gedanken über die Erotik des Rassismus beimischt, um die Kritik am Eurozentrismus zu einer am Phallozentrismus zu erweitern, droht er den Leser dahingehend zu verlieren, dass dieser entweder belustigt weiterblättert oder sich genervt abwendet.

Wie nun kann sich die Menschheit – denn um nichts weniger geht es Mbembe – vom „Mythos des Negers“ (157) befreien und einem neuen Zeitalter jenseits des Neoliberalismus entgegengehen? Wiederum geht es um eine doppelte Bewegung: Auf der einen Seite muss die verdrängte Geschichte der Schwarzen in ihrer „Globalität, Vielfalt und Vielsprachigkeit“ (191) angeeignet und der Menschheit neu zugeeignet werden; auf der anderen Seite ist das überkommene Denken des weißen Mannes von seinen toten Masken zu entkleiden. Eine davon ist unerfreulicherweise der Humanismus; denn er gehöre zu jener geschichtlichen Formation, die den Neger dazu gezwungen habe, „das Schicksal des Objekts und des Werkzeugs zu teilen“ (194).

Gleichheit aus Verwundbarkeit und die Ethik des Passanten

Also: Tabula rasa! Alles muss also von Grund auf neu gedacht und gemacht werden. Hier kommt der Afrofuturismus ins Spiel, der den Neger zur Kippfigur macht, indem er vom gebrandmarkten Opfer zur Matrix des Neuen erklärt wird: Seine „fundamentale Entfremdbarkeit“ (200) berge den Gedanken und die Möglichkeit „eines unbeschränkten Veränderungspotenzials und einer nahezu grenzenlosen Formbarkeit“ (195). So experimentell der Afrofuturismus als Mischung aus afrikanischen Traditionen, Technologie und magischem Denken daherkommt, so sehr besinnt sich Mbembe in Sachen Ethik auf Bewährtes: Ähnlich wie Richard Rorty sieht er das Verbindende aller Menschen in ihrer „Verwundbarkeit“, in ihrer körperlichen Ausgesetztheit dem Anderen und der Vergänglichkeit gegenüber. Daraus leiten sich im Fahrwasser Schopenhauers Forderungen nach „Pflege“ und „Fürsorge“ ab, die letztlich zur Anerkennung von Verschiedenheit unter Gleichen führen. (214)

Unter dem Eindruck aktueller Tendenzen, die Mbembe holzschnittartig und mit ständigem Bezug auf globale Intellektuelle anregend referiert, geht der Autor über den Ansatz einer Anerkennung im Medium der geteilten Versehrbarkeit noch hinaus. Im Angesicht der drohenden Heraufkunft des „neuroökomischen Menschen“, der von der Sehnsucht geprägt sei, „zum Objekt zu werden“ (217), gehe „das tragische Subjekt der Psychoanalyse und der politischen Philosophie“ verloren – und mit ihm jeglicher Zukunftshorizont im Zeichen von Dialektik und Versöhnung. Was jetzt noch bleibt, ist eine „Ethik des Passanten“: Diesem sei aufgetragen, sich „von allem oder fast allem zu lösen, auf alles oder fast alles zu verzichten“ (229) und zu „lernen, ständig von einem Ort zum anderen zu wechseln, denn das ist letztlich seine Bestimmung.“ (232)

Inwieweit man es hier, bei aller Sympathie, mit mehr zu tun hat als mit der Wiederbelebung eines elitären Kosmopolitismus, bleibt – wie so vieles in diesem Buch – offen. So schwer sich die Inhalte des Essays überhaupt referieren lassen, so verfehlt wäre es m.E., darin dieses oder jenes Einzelne zu kritisieren. Das Schlusswort gebührt darum Augustinus: „Nimm und lies!“

Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, a. d. Frz. v. Michael Bischoff, Berlin: Suhrkamp 2017, 235 S.

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